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Professor Dr. Otto Fränzle

Ein anekdotisches Kaleidoskop
Environmental Sciences EuropeBridging Science and Regulation at the Regional and European Level201022:111

https://doi.org/10.1007/s12302-010-0111-z

Eingegangen: 13. Januar 2010

Angenommen: 13. Januar 2010

Publiziert: 29. Januar 2010

1 Präambel

Wie schreibt man einen angemessenen Nachruf auf eine bemerkenswerte, eindrucksvolle Person, die über ein unglaublich breites naturwissenschaftliches und kulturgeschichtliches Wissen verfügte und außer Deutsch u. a. auch Englisch, Französisch und Italienisch sprach und die man ohne Übertreibung als Universalgelehrten einstufen kann? Wahrscheinlich müsste man alle Nachrufe derjenigen, die Otto Fränzle1 kannten, zusammenfügen, um ihm gerecht zu werden. Das würde nicht nur der Person insgesamt, sondern auch einer ihrer besonderen hervorragenden Eigenschaft gerecht, denn Otto Fränzle war ein emsiger Meister der Wissenskompilation – in seinem Gedächtnis und in seiner umfangreichen, von seiner liebenswerten Frau Ursula akribisch geführten Bibliothek. Insofern sind wir, Wolfgang Haber, Bernd Markert und Winfried Schröder, uns einig, dass unser Memorandum sicherlich viel zu kurz greift. Dennoch möchten wir auf Grundlage unserer persönlichen Begegnungen mit Otto Fränzle an einige seiner charakteristischen Eigenschaften und einige seiner zentralen wissenschaftlichen Botschaften in anekdotischer Form erinnern. Dabei „verstoßen“ wir klar gegen eine seiner zentralen wissenschaftlichen Forderungen, denn unsere Auswahl charakteristischer Merkmale erfolgt keineswegs nach objektivierten Verfahren und nicht quantitativ!

2 Wolfgang Haber

Ich, Wolfgang Haber, war von meiner ersten Begegnung mit Otto Fränzle „auf Anhieb“ tief beeindruckt und wusste sofort: Dies ist ein Kollege, mit dem es sich lohnt, in Verbindung zu bleiben und sich über alle wichtigen Fragen von Umwelt, Ökologie, Landschaft und Natur auszutauschen. So ist es auch bis in die letzten Jahre geblieben. Wo genau wir uns zuerst trafen, weiß ich gar nicht mehr – es war um 1970, als mit dem Aufkommen der Umweltpolitik neue Gremien und Vereinigungen (darunter auch die Gesellschaft für Ökologie) entstanden, und auf einer ihrer Tagungen war ein Vortrag von Otto Fränzle angekündigt. Diesen wollte ich schon deswegen anhören, weil ihn ein Schüler des von mir hoch verehrten Carl Troll hielt. Und er übertraf meine Erwartungen, denn Fränzle gab einen fundierten Überblick über die essenziellen Herausforderungen des bewussten Umgangs mit der Natur und ihren Ressourcen, dessen Inhalt nach wie vor gültig ist. Mich beeindruckte aber auch der persönliche Kontrast zu Troll, dessen temperamentvoll-spontaner Redeweise Otto Fränzle seine ausgewogen nüchternen, ruhigen, glänzend und druckreif formulierten Ausführungen entgegensetzte. Aber der weite Wissenshorizont war beiden gemeinsam.

Seitdem haben wir uns oft getroffen, und mehrfach waren Anwesenheit oder Vortrag von Otto Fränzle für mich sogar ein wesentlicher Anstoß zur Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen. Er hat wirklich jede von ihnen mit Vorträgen, Diskussionsbeiträgen oder auch nur im Gespräch bereichert und neue oder kritische Ideen zu unserem Fach geäußert. Vieles davon habe ich in meine eigene Lehre einbezogen. In den 1980er-Jahren vertieften sich die Gemeinsamkeiten, als wir beide in einige auf Bundesebene eingerichtete Beratergremien berufen wurden, darunter das Beratungsgremium für umweltrelevante Altstoffe (BUA). Hier zeigte Otto Fränzle außergewöhnliche, bei ihm als Geografen gar nicht vermutete Kenntnisse über Chemikalien, ihre Vorkommen, Verbreitung und Ökotoxikologie. Mit kühler, aber stets verbindlicher Sachlichkeit, aber oft auch mit wirkungsvoller Listigkeit, dämpfte er sowohl alarmistische Übertreibungen der Umweltseite als auch Schönredereien seitens der Vertreter der chemischen Industrie. Seine um größte Objektivität bemühte Urteilsfähigkeit war vorbildlich.

Ein uns verbindendes wissenschaftliches Anliegen war die Ökosystemforschung. Otto Fränzle beneidete mich, als ich 1981 die Federführung für den deutschen Beitrag zum „Mensch und Biosphäre“-Programm (MAB) der UNESCO erhielt. Unter dem Thema „Einfluss des Menschen auf Hochgebirgs-Ökosysteme“ konnte ich in den Berchtesgadener Alpen eine multidisziplinäre Ökosystemforschung durchführen, wie sie auch Fränzle anstrebte, aber ihm waren die Fördermittel dafür versagt geblieben. Als bald danach in der Bundesrepublik, auch angeregt durch die Waldschadensforschung, die Ökosystemzentren entstanden, war es Otto Fränzle endlich vergönnt, mit dem von ihm konzipierten und organisierten Großprojekt „Ökosystemforschung im Bereich der Bornhöveder Seenkette“ seine vielfältigen wissenschaftlichen Intentionen voll zu verwirklichen. Er konnte dabei auch von unseren Berchtesgadener Erfahrungen profitieren – so wie ich dafür auch manche guten Ratschläge von ihm (persönlich und als Gutachter) erhalten hatte – aber diese auch vervollkommnen und übertreffen. Diese Forschungen Otto Fränzles und seiner Mitarbeiter haben bleibende Maßstäbe für das Ökosystemverständnis gesetzt und sind einer der Höhepunkte seines großen wissenschaftlichen Werkes.

Otto Fränzle und ich haben uns immer gut verstanden und ein kollegiales Verhältnis gepflegt, das auf gegenseitigem Respekt beruhte. Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung waren, hat es niemals Kontroversen gegeben, denn gerade er ließ es nicht dazu kommen, weil er auf gute menschliche Beziehungen großen Wert legte. Darin wurde er auch von seiner Gattin unterstützt, die ihn oft auf Tagungen begleitete. Ich behalte ihn als eine der bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten unserer Disziplin im 20. Jahrhundert in fester und dankbarer Erinnerung. Seine Veröffentlichungen und Briefe sind für mich nach wie vor eine wichtige Wissensquelle.

3 Bernd Markert

Ich, Bernd Markert, erlebte Otto Fränzle u. a. auf drei Tagungen, bei denen ich Mitveranstalter war, in einer für ihn charakteristischen Weise. Professor Otto Fränzle war als Wissenschaftler aktiv an allerlei wissenschaftlichen Kongressen beteiligt. Sein Detailwissen reichte dabei von der analytischen Chemie (repräsentative Probennahme) bis hin zu grundlegenden Fragen aus den Umweltwissenschaften und der Ökotoxikologie. Bei den von ihm besuchten Tagungen legte er Wert darauf, nicht nur einen ihm wertvoll erscheinenden Vortrag zu halten und diesen jeweils zu veröffentlichen, sondern auch durch Wortbeiträge qualitativ und motivativ auf Studenten, Tagungsteilnehmer und möglicherweise auch auf sich selbst zu wirken.

Vom 13. bis 15. März 1989 veranstaltete die Universität Osnabrück einen von der International Union of Biological Sciences (IUBS) getragenen Workshop mit dem Thema „Element Concentration Cadasters in Ecosystems – Methods of Assessment and Evaluation“. Dieser über „Die Bestimmung chemischer Elemente in der Umwelt“ laufende Workshop hatte seinerzeit den Schwerpunkt in der qualitativen und quantitativen Mach- und Durchführbarkeit einer derartigen Studie. Dabei unterstützte Prof. Fränzles Beitrag zur „Repräsentativen Probennahme von Böden“ (Fränzle 1990, 1994) nicht nur den inhaltlichen Teil dieser Veranstaltung, seine ernsthafte und enthusiastische Schlussfolgerung „Das sollten wir so machen!“ in spätabendlicher Diskussionsrunde überzeugte auch die vor Ort anwesenden EU-Abgeordneten aus Brüssel, die anschließend dieses Vorhaben mit einem nicht unwesentlichen finanziellen Beitrag stützten.

Im Herbst 1989 schloss sich ein vierwöchiger Trainingskurs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien an, der federführend von Prof. Sansoni im Forschungszentrum (KFA) Jülich veranstaltet und von mehr als 20 Teilnehmern aus entsprechend vielen (weltweit verteilten) Ländern besucht wurde. Professor Fränzle verstand es, nicht nur durch seine einmaligen Vorträge die Weiterbildung der Teilnehmer zu begleiten, sondern er überzeugte durch seine verbindlich akkurate Art und Weise, Menschen international davon zu begeistern, qualitativ hochwertige Analytik als Markenzeichen „vor sich selbst“ herzutragen.

Auf mehr national ausgerichteten Tagungen, wie der 3. SETAC (Society for Ecotoxicology and Applied Chemistry/German Language Branch), die im Mai 1998 am Internationalen Hochschulinstitut in Zittau stattfand, versuchte er, den Teilnehmern die ökosystemare Toxikologie aus der Sicht des Ökologen (Fränzle 1999) zu vermitteln. Während der abendlichen Diskussion stand er auf, schwang ein schweres Buch (in dem ein wesentlicher Beitrag von ihm enthalten ist (Fränzle 1998)) und rief: „Das sollten Sie lesen, dann wissen Sie, was ich meine“.

Seine innere Freude über das, was er da tat, konnte man wahrscheinlich nur bei stilleren Anlässen erahnen. Das letzte Mal traf ich Prof. Fränzle im Februar 2008, als sein Sohn, Stefan Fränzle, seine Antrittsvorlesung im Rahmen seines Habilitationsverfahrens an der Hochschule Vechta hielt. Das Foto (Abb. 1) zeigt, wie viel ihm und seiner Frau Ursel diese Antrittsvorlesung bedeutete.
Abb. 1

Antrittsvorlesung von Dr. Stefan Fränzle an der Hochschule Vechta. Rechts von Stefan Fränzle aus gesehen: Prof. Otto Fränzle und seine Frau Ursel, und als weitere Gäste der Veranstaltung Prof. Markert (rechts außen), Prof. Lieth und Prof. Schüürmann (links außen)

4 Winfried Schröder

Ich, Winfried Schröder, durfte Otto Fränzle in verschiedenen Rollen 30 Jahre hinweg begleiten. Dabei näherten wir uns einander immer weiter an, ohne die Ebene des Kumpelhaften zu erreichen. Ich begann mein Studium 1979, absolvierte das Erste Staatsexamen für Lehrer an Gymnasien, legte meine Magisterprüfung ab, wurde promoviert und habilitiert – alles in Betreuung von Otto Fränzle. Dabei hatte ich dies gar nicht vor, ich wollte einfach nur Lehrer werden. Irgendwann ließ er über einen Mitarbeiter bei mir vorfühlen, ob ich bei ihm Hilfskraft werden wolle. Dieses distanzierte Anfragenlassen war schon ein großer Schritt persönlicher Annäherung – verglichen mit Otto Fränzles Auftreten in meiner ersten Vorlesung bei ihm: Einführung in die Geomorphologie. Trotz eindringlichem Abraten von Studierenden aus höheren Semestern ging ich hin; dabei folgte ich dem Rat meiner Mutter, die beim Durchblättern des Vorlesungsverzeichnisses meinte: „Der Fränzle ist bestimmt ein gemütlicher, kleiner, rundlicher Schwabe mit Brille und Glatze, das wär‘ doch was für den Anfang“ – von wegen: Gleich in der ersten Stunde kam ein schlanker Mann stattlicher Größe mit voller Haarpracht staksigen Schrittes in den Hörsaal – mit einem Einkaufswagen voller Bücher und griff, ohne Begrüßung, ein Buch nach dem anderen heraus und meinte in nicht norddeutschem, aber auch keinesfalls schwäbischem Tonfall, dass ein anständiger Student – eine typische Redewendung von Otto Fränzle – diese lesen müsse. Fünf Sprachen seien für jeden Menschen erlernbar. Folglich waren unter den präsentierten Büchern u. a. die Werke von Tricart et Cailleux (Traité de Géomorphologie) und Scheidegger (Theoretical Geomorphology). Doch das war noch nicht der Gipfel der sprachlichen Herausforderungen, mit denen Otto Fränzle uns konfrontierte, denn es folgte noch ein umfangreiches russisches Werk, dessen Titel ich nicht mehr erinnere. In den Vorlesungen war es durchgängig so, dass Fachbegriffe außer auf Deutsch auch auf Englisch und Französisch, z. T. auch auf Italienisch gebracht wurden. Außer der Brille stimmte also nichts an der aus dem Namen Fränzle abgeleiteten Prognose meiner Mutter, und das blieb dann auch so über viele Jahre. Ein merklich genervt-aggresives Raunen ging damals in meiner ersten Vorlesungsstunde bei Otto Fränzle durch den Hörsaal, der ein letztes Mal in diesem ersten Semester bis auf den letzten Platz besetzt war. Dass Otto Fränzle „Das schaffen Sie, Sie müssen sich nur anstrengen und die Kapazitäten Ihres Gehirns nutzen. Ich bringe es Ihnen bei, Ihr Potenzial zu nutzen“ in das Raunen der Studierenden sprach, hörten viele meiner Kommilitonen nicht, oder sie überhörten es und wurden noch unruhiger. Ich blieb der Vorlesung treu, zusammen mit wenigen weiteren Studierenden. Und so ähnlich ging das dann Semester für Semester. Nachdem ich den via Mittelsmann angebotenen Hiwi-Job bei Otto Fränzle angetreten hatte, fragte er mich eines Tages persönlich, also ohne Übermittler, ob ich bei ihm eine Staatsexamensarbeit schreiben wolle. Dazu besuchte er mich auf unseren damaligen Untersuchungsflächen bei Rastorf, wo wir für die spätere Ökosystemforschung „übten“. Es war ein heißer Sommertag, und OF, wie er bei seinen Mitarbeitern lange genannt wurde, lobte unseren Fleiß und unser Durchhaltevermögen – für Otto Fränzle unabdingbare Voraussetzungen für anständige! Wissenschaftler. Das Forschungsvorhaben in Rastorf wurde vom Umweltbundesamt finanziert, nicht von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. „Die DFG hat in 30 Jahren noch kein Referat für Ökosystemforschung“, prognostizierte OF und behielt leider Recht. Die Suche nach Möglichkeiten, eine an wenigen repräsentativen Standorten platzierte, grundlagenorientierte Ökosystemforschung zu etablieren, die durch eine retrospektive Umweltbeobachtung in Form einer Umweltprobenbank ergänzt würde, trieb ihn seit Mitte der 1970er-Jahre an. Dieses Konzept ist bis heute unübertroffen und wird international angewendet. Am Erreichen seines Hauptziels, der räumlich vergleichenden Ökosystemforschung, beteiligte er seine Mitarbeiter, die er aus den wenigen Hartnäckigen rekrutierte, die in seinen Lehrveranstaltungen „durchhielten“.

Ich nahm seinerzeit das Thema für die Staatsexamensarbeit ohne Zögern an. Im Spätherbst darauf bestellte mich Otto Fränzle eines Abends in sein Dienstzimmer und gestand zerknirscht, dass er in einer misslichen Lage sei: Am kommenden Freitag müsse er an zwei Orten zur selben Zeit sein und Vorträge halten. Da das nun einmal nicht ginge, wäre er mir dankbar, wenn ich ihm einen der beiden Vorträge abnehmen könnte. Ich sagte ja, hatte postwendend einen hohen Stapel an Literatur auf dem Arm und noch einige nützliche Tipps, wie man nach einem Vortrag elegant unangenehme Fragen umgehen könnte. Diese Tipps waren ziemlich schlitzohrig, und dass er sie gab, war ein weiterer Schritt der Annäherung. Die Vortragsreise brachte mich zum Fraunhofer Institut für Umweltchemie und Ökotoxikologie in Schmallenberg (Hochsauerland), und nachdem ich dort den Vortrag gehalten hatte, gratulierte mir eine Berliner Professorin, so jung Lehrstuhlinhaber geworden zu sein. Als sie von mir erfuhr, dass ich erst im Begriff war, mein Staatsexamen zu machen, meinte sie: „Der Kollege Fränzle hat ja Nerven!“ Ja, die hatte er: Er traute seinen Mitarbeitern sehr viel zu und schien das Risiko, dass die von ihm veranlassten Sprünge seiner Mitarbeiter ins kalte Wasser mit Blamagen endeten, nicht zu scheuen – auch wenn es nicht nur um Vorträge ging, sondern um mehr: die Beantragung von Forschungsprojekten bis hin zum Großprojekt Ökosystemforschung im Bereich der Bornhöveder Seenkette. Bei den Anträgen zu diesem Projekt und während seiner Durchführung konnte er sich auf seine beständig nachwachsenden Mitarbeiter und ihre Begeisterung für die Sache verlassen. Das Zutrauen, dass Otto Fränzle in sie steckte, wirkte motivierend, denn er ließ sie mitmachen und gab ihnen so die Möglichkeit zur akademischen Entwicklung. Dieser Führungsstil veranlasste Professor Kappen anlässlich Otto Fränzles 60. Geburtstag zu folgendem – wie ich finde, zutreffenden – Bild: „Otto Fränzle ist eine imposante Eiche mit mächtiger Krone, die alles überragt, aber Unterwuchs zulässt.“ Der „Unterwuchs“ ist mittlerweile längst wissenschaftlich und beruflich flügge und macht eigene Erfahrungen, was es bedeutet, sich erfolgreich im Wissenschaftsbetrieb oder im Berufsleben außerhalb davon zu bewegen. Otto Fränzles eindrückliches Wirken war für viele von uns prägend, ohne zu erdrücken. Er hat uns gefordert und dadurch gefördert. Das bedeutete für ihn, seine Schüler möglichst bis zur Habilitation zu führen – zum „akademischen Vollmenschen“ zu machen. Viele fanden diesen Begriff ziemlich überheblich. Und auch ich begriff erst spät, was Otto Fränzle damit meinte: Die Habilitation ist formal die akademische Unabhängigkeitserklärung: Dem Habilitierten steht das Recht eigenständiger Forschung und Lehre zu, er ist aus der Obhut seines akademischen Lehrers entlassen. Das Erreichen dieses Unabhängigkeitsstatus nahm Otto Fränzle dann oft zum Anlass, dem frisch Habilitierten das „Du“ anzubieten. Das war dann auch bei mir eines Tages so, und weil damals ein äußerst verdienter Mitarbeiter, der sehr viel Kärrnerarbeit für Otto Fränzles Ökosystemforschung geleistet hatte, unmittelbar neben uns stand, bot OF ihm trotz fehlender Habilitation auch das „Du“ an. Werte wie Verlässlichkeit und Treue waren ihm also ebenso wichtig wie akademische Formalia.

Vor nicht allzu langer Zeit – wir telefonierten des Öfteren „kurz mal eine Stunde“ – gestand Otto Fränzle zum Thema Karriere in der Wissenschaft: „Ich glaube, dass ich in der heutigen Zeit nicht mehr zum Professor berufen würde.“ Diese Überlegung erscheint mir gar nicht so abwegig. Welch ein Glück, dass die Berufungskriterien zu seiner Zeit andere als die heutigen waren. Es sollte uns helfen, den Verlust Otto Fränzles zu verschmerzen und dafür dankbar zu sein, dass wir ihn begleiten durften. Am Ende jedes Telefonates gab er mir mit: „Lass’ dich nicht beirren. Mach’ weiter, immer weitermachen. Die Arbeit verhindert, dass du Gedanken und Zeit für Unabänderliches verschwendest. Ich muss jetzt auch wieder an die Arbeit.“ Otto Fränzles Leben voller Arbeit ist nun beendet. Unsere gemeinsame Zeit mit ihm war schön. Jetzt müssen wir alleine weitermachen – das erwartet er.

Fußnoten
1

Den 20. Jahrgang der UWSF 2008 eröffneten wir mit einer Jubiläumsausgabe zum 75. Geburtstag von Otto Fränzle. In der ersten Ausgabe des 22. Jahrganges 2010 bringen wir seinen Nachruf. Otto Fränzle starb am 20. August 2009 (Anm. d. Red.).

 

Authors’ Affiliations

(1)
(2)
Lehrstuhl für Landschaftsökologie, Hochschule Vechta
(3)

Literatur

  1. Fränzle O (1990) Representative sampling of soils in the Federal Republic of Germany and the EC countries. In: Lieth H, Markert B (eds) element concentration cadasters in ecosystems – methods of assessment and evaluation. VCH Verlagsgesellschaft mbH, Weinheim, pp 63–71Google Scholar
  2. Fränzle O (1994) Representative soil sampling. In: Markert B (ed) environmental sampling for trace analysis. VCH Verlagsgesellschaft mbH, Weinheim, pp 305–320View ArticleGoogle Scholar
  3. Fränzle O (1998) Sensitivity of ecosystems and ecotones. In: Schüürmann G, Markert B (eds) Ecotoxicology – ecological fundamentals, chemical exposure, and biological effects. John Wiley and Sons, New York and Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, pp 75–115Google Scholar
  4. Fränzle O (1999) Ökosystemare Toxikologie aus der Sicht des Ökologen. In: Oehlmann J, Markert B (Hrsg) Ökotoxikologie – Ökosystemare Ansätze und Methoden. ecomed Verlag, Landsberg/Lech, pp 23–48Google Scholar

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