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Humanarzneimittel im aquatischen Ökosystem

Bewertungsansatz zur Abschätzung des ökotoxikologischen Risikos von Arzneimittelrückständen
  • Bernd Hanisch1Email author,
  • Bettina Abbas1,
  • Werner Kratz1 und
  • Gerrit Schüürmann2
Umweltwissenschaften und Schadstoff-ForschungBridging Science and Regulation at the Regional and European Level200416:160400223

https://doi.org/10.1065/uwsf2004.02.076

Eingegangen: 17. April 2003

Angenommen: 31. Dezember 2003

Publiziert: 1. Dezember 2004

Zusammenfassung

Zielstellung

Im Landesumweltamt Brandenburg wurde auf der Grundlage einer für das Jahr 1999 durchgeführten landesspezifischen Verbrauchsmengenerhebung ein Bewertungsansatz für das Gefährdungspotenzial von Arzneimittelrückständen im aquatischen Ökosystem mit der Zielstellung entwickelt, eine mögliche Umweltrelevanz wichtiger Wirkstoffe festzustellen oder auszuschließen sowie prioritäre Analyten für künftige Monitoringprogramme zu definieren.

Methode

Dieses an 60 Arzneimittelwirkstoffen erprobte Bewertungskonzept basiert auf einer Expositionsabschätzung unter Berücksichtigung des Haupteintragspfades Mensch-Abwasser-Kläranlage-Oberflächengewässer, auf einer stoffspezifischen Wirkungsanalyse sowie auf einer Analyse bekannter Umweltverhaltensmuster wie Kompartimentverteilungstendenzen, Bioakkumulationsvermögen und Persistenz.

Ergebnisse

Während in Brandenburger Oberflächengewässern für acht der betrachteten Wirkstoffe von Wirkstoffkonzentrationen oberhalb von 1 μg/l auszugehen ist, liegt für mindestens 13 der untersuchten Wirkstoffe die PNEC im aquatischen Ökosystem unter 1 μg/l.

Für die Antibiotika Ciprofloxacin-HCl und Clarithromycin, die Desinfektionsmittelwirkstoffe Benzalkoniumchlorid, Cocospropylendiaminguaniacetat, Glucoprotamin, Laurylpropylendiamin und Polyvidon-Iod, das Sexualhormon Ethinylestradiol, das Antidiabetikum Metformin-HCl, das Antiepileptikum Carbamazepin sowie für den Lipidsenkermetaboliten Clofibrinsäure lässt sich anhand des Vergleiches von Expositionskonzentrationen und ökotoxischen Wirkungen ein Umweltgefährdungspotential für Brandenburger Oberflächengewässer ableiten, da die entsprechenden PEC:PNEC-Verhältnisse um 1 oder darüber liegen. Für weitere 19 Wirkstoffe muss aufgrund ihrer Verhaltensmuster in der Umwelt ebenfalls von einer Umweltrelevanz ausgegangen werden, ohne dass diese derzeit wegen des Fehlens von ökotoxikologischen Wirkungsdaten wirkungsseitig belegt werden kann.

Schlussfolgerung

Diese erste Risikoabschätzung zeigt trotz einer unvollständigen Basis valider Daten, dass Schadwirkungen in der aquatischen Umwelt durch einige Arzneimittelwirkstoffe nicht auszuschließen sind. Es ist uns jedoch bewusst, das diese Bewertung zunächst orientierenden Charakter hat und im Zuge zu erwartender und zu fordernder neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse fort-und möglicherweise auch umgeschrieben werden muss.

Schlagwörter

Aquatisches Ökosystem Expositionsanalyse Gefährdungsabschätzung Humanarzneimittel Land Brandenburg Oberflächengewässer Ökotoxikologie ökotoxikologische Bewertung Wirkungsanalyse

Notes